Habe einen interessanten Artikel des Musikwissenschaftler's Karlheinz Essl über die Produktion von Musik mithilfe von Musikstudio-Software wie Ableton, ProTools, Cubase usw. gefunden. Dem Musikwissenschaftler Karlheinz Essl zufolge hat kommerziell produzierte Musiksoftware ästhetische und technologische Grenzen, innerhalb derer der Musik-Produzent sich bewegen kann. Der Produzent ist ein „User“, welcher sich aus den ihm bereitgestellten Fertiglösungen bedient (Essl 2007)⁠.

Mit der Verfügbarkeit der Rechner war es allerdings allein noch nicht getan. Es mangelte – vor allem in den Anfangsjahren – vornehmlich an Software. Hier sprang nun die Industrie in die Bresche und begann, den Markt mit einer Vielzahl von Programmen zu versorgen, die in erster Linie auf die Erfordernisse des kommerziellen Musikbusiness’ zugeschnitten waren. (Essl 2007)

Mit der gleichzeitigen Definition des MIDI-Standards setzte eine neue Entwicklung der Musikproduktion ein:

Hinter der an sich begrüßenswerten Manipulationsfähigkeit solcher MIDI-Daten verbirgt sich aber eine tiefere Problematik: Zwar gelangt man rasch zu Resultaten, dies verführt aber zu einem unbekümmertenal-fresco-Stil, da sich nachträgliche Änderungen bequem durchführen lassen. Anstelle von künstlerischer Reflexion und Planung tritt die unbekümmertebricolage, das kunsthandwerkliche Gebastel. Zudem ermöglicht die computertypische Technik des „copy, cut & paste“ die rasche Vervielfältigung vorgefertigter kompositorischer Strukturen, die sich zudem auf Knopfdruck auch transponieren und in ihrer zeitlichen Ausdehnung stauchen bzw. strecken lassen. In einemTrial-and-Error-Verfahren lassen sich damit Stückwerke zusammenstoppeln, denen es oftmals an stringenter musikalischer Logik gebricht. (Essl 2007, Herv. im Original)

Essl bewertet diese Entwicklung negativ:

Heutzutage stellt sich die Situation der elektroakustischen Musik als weit verzweigtes Feld mit vielfältigen Erscheinungsformen dar. Durch die breite Verfügbarkeit immer leistungsfähigerer Computer und die Entwicklung mächtigerhigh-level-Programmiersprachen wie Max/MSP, Pd und SuperCollider ist die problematische Abhängigkeit von Musiksoftware, die in erster Linie auf die Erfordernisse kommerzieller Musikproduktionen zugeschnitten ist, keineconditio sine qua non. KomponistInnen müssen sich nicht mehr als bloße „User“ ausschließlich innerhalb der von der Software vorgegebenen ästhetischen und technologischen Grenzen bewegen. Anstatt mit bestehenden Fertiglösungen zu arbeiten besteht heute grundsätzliche die Möglichkeit – ich möchte sogar sagen: Notwendigkeit – sich seine eigenen kompositorischen Werkzeuge in Form von Software-Tools zu entwickeln. (2007)

Essl's negative Bewertung dieser Entwicklung lässt sich vermutlich aus dem Kontext erklären, in dem er Musik komponiert und nach neuen Tönen sucht: Der Wissenschaft der elektronischen Musik. Implizit gibt er aber einen wichtigen Hinweis darauf, wie eine Konstellation von Entwicklungen zu einer technologischen Ermöglichung führt1, auf der heute die ganze Techno-Szene aufbaut: Die einfache und schnelle Produktion von repetitiver, loop-basierter elektronischer Tanzmusik, die sich nicht hauptsächlich an dem Finden neuer Töne oder neuer Kompositionen orientiert, sondern dem fertigen Track als Konsumprodukt: Der Spaß auf dem Dancefloor für die Tänzer, die Möglichkeit des Mixens für den DJ, dem Hörgenuss zuhause oder unterwegs und auch der Möglichkeit für viele, mit Jobs in der Techno-Szene ihre Existenzgrundlage zu bestreiten: Produzenten, DJs, Veranstalter, Booker, Medien usw. usf. Essl ganzer Artikel kann sich HIER kostenlos komplett durchgelesen werden.

Essl, Karlheinz. 2007. “Wandlungen der elektroakustischen Musik.” in: Zwischen Experiment und Kommerz. Zur Ästhetik elektronischer Musik, hrsg. von Thomas Dézsy, Stefan Jena und Dieter Torkewitz 2:37-84. 

1 Siehe auch den Musikwissenschaftler Mark Butler (2006:65)⁠. So sei es insbesondere die exakte Wiedergabe, das einfache Interface und die stetig repetitive Wiedergabe durch die Technik, welche „Dance Music“ so ermöglichen, wie wir sie kennen.

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