Sehr spannendes Paper – dringend zur Lektüre empfohlen !

Zusammenfassung: In diesem Beitrag werden körperliche Inszenierungen Jugendlicher und junger Erwachsener als  Dimension  kultureller  Ungleichheit  im  Kontext  von  Clubs  und  Diskotheken  betrachtet. Dieser Perspektive zufolge fungiert der subjektiv bearbeitete Körper als ein Kapital, das zur Steigerung  der  physischen  Attraktivität  beim  Flirten  auf  dem  Partnermarkt  eingesetzt  wird. Auf der Grundlage vorwiegend quantitativer Daten wird der von Bourdieu formulierten Hypothese nachgegangen, dass die Körperkultivierung klassenspezifisch variiert. Zudem werden Befunde von Bozon/Héran überprüft, denen zufolge Tanzlokalitäten vorrangig von Angehörigen unterer sozialer Klassen zur Partnersuche genutzt werden. Schließlich wird gezeigt, wie soziale  Ungleichheiten  der  Körperästhetiken  und  Umgangsweisen  mit  Musik  einen  im  Aggregat systematisch segmentierten großstädtischen Club- und Diskothekenmarkt erzeugen.

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Gunnar Ottes Schlussfolgerungen:

Den  Beitrag  habe  ich  mit  einer  Kritik  an  Positionen  eingeleitet,  die  mit  der „Sampling“-Metapher  ein  voluntaristisches  Akteurmodell  annehmen  und  Jugendlichen  scheinbar  unbegrenzte  Freiheiten  bei  der  Etablierung  ihres  Selbstkonzeptes  einräumen.  Dem  habe  ich  eine  Perspektive  gegenüber  gestellt,  die den  Kapitalcharakter  nachhaltig  bindender  sozialstruktureller  und  kultureller Ungleichheiten  betont.  Sozialstrukturell  habe  ich  die  in  der  Jugendkulturforschung ins Abseits geratene Kategorie vertikaler Ungleichheit ins Zentrum gerückt, indem ich die soziale Herkunft, die Bildung und den Erwerbsstatus als klassenkonstituierend betrachtet habe. Gestützt auf die von Bourdieu (1982, 1983) und Thornton  (1996)  formulierte  Überlegung,  dass  Investitionen  von  Zeit,  Geld  und Energie als „Kapital“ wirken und kulturelle Ungleichheiten generieren, habe ich Körper- und Musikkapital als strukturierende Variablen des Club- und Diskothekenmarktes eingeführt. Mein durch Bozon/Héran (1989) inspiriertes Interesse galt der Frage, wovon die Flirtbereitschaft in diesem Kontext abhängt und welche Bedeutung der Klassenlage und der Kapitalausstattung dabei zukommt.

Auffällig  ist  der  starke  Zusammenhang  zwischen  Körperkapital  und  Flirtneigung.  Die  Ästhetisierung  des  Körpers  wird  zur  Steigerung  der  physischen Attraktivität und zur Signalisierung der Kontaktbereitschaft betrieben. Dazu gehören die Formung und Färbung des Körpers in Fitnessstudios und Solarien, die Betonung  sekundärer  Geschlechtsmerkmale  und  der  Einsatz  modischer  Garderobe. Männliche und weibliche Jugendliche unterscheiden sich nur unwesentlich im   Ausmaß   der   Körperkultivierung,   heben   aber   bestimmte   Attribute   geschlechtsspezifisch hervor (Frauen: konturierte Brüste, „sexy“ Kleidung; Männer: muskulöse Oberarme, „elegante“ Kleidung). Die Neigung zur Inszenierung sexueller Attraktivität und statusorientierter Trendteilhabe variiert klassenspezifisch und verweist auf den Anregungsgehalt der Sozialisationsinstanzen Familie, Schule  und  Studium:  Sie  ist  ausgeprägter  unter  Jugendlichen  bildungsferner Herkunft  und  statusniedriger  Bildungs-  und  Berufsgruppen.  Hier  wirken  klassenkulturelle  Traditionen  fort  (vgl.  Otte  2007),  denn  der  Körpereinsatz  ähnelt den offensiven Praktiken körperlichen Stylings männlicher Rocker (Willis 1981) und  weiblicher  Auszubildender  in  der  „Disco-Szene“  (Helfferich  1994,  S. 124ff.). Jugendliche höherer Klassen – maßgeblich die, die zur Pflege ihres Musikkapitals „Subkulturclubs“ aufsuchen – tendieren zu einer inszenierten Nachlässigkeit, wie sie schon im Natürlichkeitskult der Hippies anzutreffen war.

Die symbolische  Devianz  der  Indie-Szene,  in  der  „inszenierten  Natur“  der  Haartracht  (Burkart  2000,  S.  70)  ausgedrückt,  in  einer  Linksorientierung  verankert und von konsumskeptischer Individualisierungsrhetorik begleitet, entpuppt sich als  Distinktionspraxis  großteils  bildungsprivilegierter  Jugendlicher.  Der  von Bourdieu (1982) identifizierte, klassenspezifische Körper-Geist-Gegensatz zeichnet sich in der Stilisierung deutlich ab. Angehörige  niedriger  Klassen  artikulieren  in  Tanzlokalitäten  eine  höhere Flirtbereitschaft  und  sind  im  Einklang  mit  Bozon/Héran  (1989)  offener  dafür,
diesen Kontext zur Partnersuche zu nutzen, wenngleich die Klassenunterschiede nicht  von  ähnlich  großem  Ausmaß  sind  wie  in  ihrer  Studie.  Die  Vermutung, dass  Höhergebildete  stärker  zum  Flirten  neigen,  wenn  sie  ein  statusähnliches Publikum vorfinden, bestätigt sich nicht. Immerhin nähert sich unter diesen Bedingungen die Flirtneigung der beiden Gruppen an. In Verbindung mit der differenziellen, jedoch nur schwach klassenbasierten Kultivierung  von  Musikkapital  tragen  die  Inszenierungspraktiken  zu  einer  systematischen  Marktsegmentierung  bei,  da  sie  die  Grundlage  für  symbolische
Grenzziehungen  der  Clubgänger  schaffen.

Die  beschriebene  Körperkultivierung der unteren Klassen findet man eher in Einrichtungen mit den modischen Genres House, Techno und Hip Hop. Dagegen werden Clubs mit gitarrenorientierter  Musik,  aber  auch  genreübergreifende,  subkulturelle  Nischenangebote eher von Angehörigen höherer Klassen besucht. Thornton (1996, S. 12) zufolge verschleiern die Distinktionspraxen Jugendlicher ihre Klassenlagen. Während die von ihr gewählte Methodik die Aufdeckung  klassenspezifischer  Strukturen  der  Clubszene  nicht  hinreichend  ermöglicht, gilt genau dies für das hier verwendete Untersuchungsdesign. In Gruppendiskussionen ließ sich feststellen, dass die nach sozialstrukturellen und ästhetischen  Kriterien  subjektiv  wahrgenommenen  Publikumsstrukturen  großteils  mit den  statistisch  ermittelten,  objektiven  Publikumsprofilen  übereinstimmen.

Die Jugend- und Körperkulturforschung sollte dies zum Anlass nehmen, qualitatives Material  gründlicher  auf  sozialstrukturelle  Dimensionen  zu  prüfen,  verstärkt aber  auch  quantifizierende  Methoden  einzusetzen,  um  Zusammenhangsstärken von  Variablen  ermitteln  zu  können.  Angesichts  der  schwierigen  Messbarkeit ästhetischer Merkmale scheinen Mixed Methods-Designs der privilegierte Weg. Der von Bourdieu identifizierte, klassenspezifische Körper-Geist-Gegensatz zeichnet sich in der Stilisierung deutlich ab.

Zur Untersuchung der Bedeutung von Clubs und Diskotheken wie auch anderer Kontexte für die Partnerrekrutierung im Jugendalter kann die vorliegende Studie aber nicht mehr als ein erster Schritt sein.

Infos zum Autor Dr. Gunnar Otte: CLICK

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  • http://klangtransponder.blogspot.com/ Knusper

    Herrliches Dokument, danke für den Hinweis hierauf. Das fantastische ist, dass es tatsächlich die Beobachtungen und Gefühle bestätigt, die wahrscheinliche viele von uns schon immer hatten, wenn Sie diverse Clubs und Diskotheken besuchten. Jetzt hat man’s sozusagen nochmal schwarz auf weiß.
    Problematisch ist natürlich nur, dass die Bestätigung solcher Klischees dazu führt, dass das Schubladen-Denken gefestigt wird und man Menschen noch schneller ob Ihres Club/Disko-Besuchs oder Aussehens klassifizieren bzw. umgekehrt Rückschlüsse von Bildung und Körperkapital auf Musikpräferenz ziehen könnte. Wäre insofern natürlich auch toll, wenn Klischees widerlegt worden wären. Wenn es aber so sein soll…. :)

  • http://klangtransponder.blogspot.com/ Knusper

    Herrliches Dokument, danke für den Hinweis hierauf. Das fantastische ist, dass es tatsächlich die Beobachtungen und Gefühle bestätigt, die wahrscheinliche viele von uns schon immer hatten, wenn Sie diverse Clubs und Diskotheken besuchten. Jetzt hat man’s sozusagen nochmal schwarz auf weiß.
    Problematisch ist natürlich nur, dass die Bestätigung solcher Klischees dazu führt, dass das Schubladen-Denken gefestigt wird und man Menschen noch schneller ob Ihres Club/Disko-Besuchs oder Aussehens klassifizieren bzw. umgekehrt Rückschlüsse von Bildung und Körperkapital auf Musikpräferenz ziehen könnte. Wäre insofern natürlich auch toll, wenn Klischees widerlegt worden wären. Wenn es aber so sein soll…. :)

  • http://www.bln.fm/ Wolf K

    Toll, dass uns Soziologen eine Realität erklären wollen, die sie -wenn überhaupt- nur periphär kennengelernt/erlebt haben…wer ist er, wieviel verdient er, wie sieht seine Freizeit aus und WELCHES PROBLEM HAT DIESER MANN????
    …sorry, aber lese ich seine Biografie kann ich nur schmunzeln…ein (empirischer) Sozialwissenschaftler, der versucht, jugendliche Verhaltensweisen in der Bundesrepublik Deutschland zu systematisieren und daraus eine Ableitung für eine vermeintlich wissenschaftliche Einschätzung zu generieren…lachhaft! Was liegt seinen Annahmen zugrunde, welche Szenerieen hat her mit welcher Methodik analysiert…hat er Feldstudien betrieben oder reussiert er lediglich aus eigenen Beobachtungen, …sollte letzteres der Fall sein, denke ich eher daran, dass der arme Kerl auch endlich mal Sex hatte, ganz der Strategie folgend: “Hallo, ich bin der Gunnar und mach grad ´ne Studie über Jugendkultur. Ich wollte Dich mal Fragen, warum du hier bist…wir können ja noch bei mir zu Hause darüber weiterreden, ich habe da so ein paar Fragebögen vorbereitet….” ;-) )) Traurig nur, das solche Studien in die Hände von Politikern geraten, die an solchen Studien ihre vermeintliche Jugend-Politik ausrichten ;-) ))

  • http://www.bln.fm Wolf K

    Toll, dass uns Soziologen eine Realität erklären wollen, die sie -wenn überhaupt- nur periphär kennengelernt/erlebt haben…wer ist er, wieviel verdient er, wie sieht seine Freizeit aus und WELCHES PROBLEM HAT DIESER MANN????
    …sorry, aber lese ich seine Biografie kann ich nur schmunzeln…ein (empirischer) Sozialwissenschaftler, der versucht, jugendliche Verhaltensweisen in der Bundesrepublik Deutschland zu systematisieren und daraus eine Ableitung für eine vermeintlich wissenschaftliche Einschätzung zu generieren…lachhaft! Was liegt seinen Annahmen zugrunde, welche Szenerieen hat her mit welcher Methodik analysiert…hat er Feldstudien betrieben oder reussiert er lediglich aus eigenen Beobachtungen, …sollte letzteres der Fall sein, denke ich eher daran, dass der arme Kerl auch endlich mal Sex hatte, ganz der Strategie folgend: “Hallo, ich bin der Gunnar und mach grad ´ne Studie über Jugendkultur. Ich wollte Dich mal Fragen, warum du hier bist…wir können ja noch bei mir zu Hause darüber weiterreden, ich habe da so ein paar Fragebögen vorbereitet….” ;-) )) Traurig nur, das solche Studien in die Hände von Politikern geraten, die an solchen Studien ihre vermeintliche Jugend-Politik ausrichten ;-) ))

  • Gunner Otta

    Lieber Wolf K,
    ich sehe, dass sie meine Studie nicht mit Wohlgefallen aufgenommen haben, dennoch wäre ich daran interessiert zu erfahren, was Sie daran stört. Die Grundlagen und annahmen können sie in meinen anderen Publikationen und meiner Habilitationsschrift sehr ausführlich nachlesen. Wie sie jedoch darauf kommen, ich wolle hier direkt Einfluss auf die Jugendkulturförderung der Länder nehmen ist weit überzogen. In meinem oben angegebenen Artikel steht hiervon jedenfalls nichts.

    Dass sie ad personam argumentieren und meinen Akademischen Lebenslauf als lächerlich umschreiben, hilft mir bei meiner Frage auch nicht weiter. Im Übrigen möchte ich Sie darauf hinweisen, dass einem akademischen Lebenslauf nicht zu entnehmen sein kann, wie sehr jemand in der Szene involviert war, und welche Erfahrungen er gemacht hat. Sie würden ja auch nicht in Ihren DJ-Lebenslauf hineinschreiben, wo sie zur Schule gingen, welche Ausbildung Sie gemacht haben und wo Sie beschäftigt waren (jenseits des Musikbusiness).

    mit besten Grüßen

  • Gunner Otta

    Lieber Wolf K,
    ich sehe, dass sie meine Studie nicht mit Wohlgefallen aufgenommen haben, dennoch wäre ich daran interessiert zu erfahren, was Sie daran stört. Die Grundlagen und annahmen können sie in meinen anderen Publikationen und meiner Habilitationsschrift sehr ausführlich nachlesen. Wie sie jedoch darauf kommen, ich wolle hier direkt Einfluss auf die Jugendkulturförderung der Länder nehmen ist weit überzogen. In meinem oben angegebenen Artikel steht hiervon jedenfalls nichts.

    Dass sie ad personam argumentieren und meinen Akademischen Lebenslauf als lächerlich umschreiben, hilft mir bei meiner Frage auch nicht weiter. Im Übrigen möchte ich Sie darauf hinweisen, dass einem akademischen Lebenslauf nicht zu entnehmen sein kann, wie sehr jemand in der Szene involviert war, und welche Erfahrungen er gemacht hat. Sie würden ja auch nicht in Ihren DJ-Lebenslauf hineinschreiben, wo sie zur Schule gingen, welche Ausbildung Sie gemacht haben und wo Sie beschäftigt waren (jenseits des Musikbusiness).

    mit besten Grüßen



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Techno Szene, Berlin Mitte Institut für Bessere Elektronische Musik, Underground

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