Gunnar Otte: Körperkapital und Partnersuche in Clubs und Diskotheken
January 12, 2010 | blog, Gesammeltes Wissen über die Techno-Kultur 6 CommentsSehr spannendes Paper – dringend zur Lektüre empfohlen !
Zusammenfassung: In diesem Beitrag werden körperliche Inszenierungen Jugendlicher und junger Erwachsener als Dimension kultureller Ungleichheit im Kontext von Clubs und Diskotheken betrachtet. Dieser Perspektive zufolge fungiert der subjektiv bearbeitete Körper als ein Kapital, das zur Steigerung der physischen Attraktivität beim Flirten auf dem Partnermarkt eingesetzt wird. Auf der Grundlage vorwiegend quantitativer Daten wird der von Bourdieu formulierten Hypothese nachgegangen, dass die Körperkultivierung klassenspezifisch variiert. Zudem werden Befunde von Bozon/Héran überprüft, denen zufolge Tanzlokalitäten vorrangig von Angehörigen unterer sozialer Klassen zur Partnersuche genutzt werden. Schließlich wird gezeigt, wie soziale Ungleichheiten der Körperästhetiken und Umgangsweisen mit Musik einen im Aggregat systematisch segmentierten großstädtischen Club- und Diskothekenmarkt erzeugen.
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Gunnar Ottes Schlussfolgerungen:
Den Beitrag habe ich mit einer Kritik an Positionen eingeleitet, die mit der „Sampling“-Metapher ein voluntaristisches Akteurmodell annehmen und Jugendlichen scheinbar unbegrenzte Freiheiten bei der Etablierung ihres Selbstkonzeptes einräumen. Dem habe ich eine Perspektive gegenüber gestellt, die den Kapitalcharakter nachhaltig bindender sozialstruktureller und kultureller Ungleichheiten betont. Sozialstrukturell habe ich die in der Jugendkulturforschung ins Abseits geratene Kategorie vertikaler Ungleichheit ins Zentrum gerückt, indem ich die soziale Herkunft, die Bildung und den Erwerbsstatus als klassenkonstituierend betrachtet habe. Gestützt auf die von Bourdieu (1982, 1983) und Thornton (1996) formulierte Überlegung, dass Investitionen von Zeit, Geld und Energie als „Kapital“ wirken und kulturelle Ungleichheiten generieren, habe ich Körper- und Musikkapital als strukturierende Variablen des Club- und Diskothekenmarktes eingeführt. Mein durch Bozon/Héran (1989) inspiriertes Interesse galt der Frage, wovon die Flirtbereitschaft in diesem Kontext abhängt und welche Bedeutung der Klassenlage und der Kapitalausstattung dabei zukommt.
Auffällig ist der starke Zusammenhang zwischen Körperkapital und Flirtneigung. Die Ästhetisierung des Körpers wird zur Steigerung der physischen Attraktivität und zur Signalisierung der Kontaktbereitschaft betrieben. Dazu gehören die Formung und Färbung des Körpers in Fitnessstudios und Solarien, die Betonung sekundärer Geschlechtsmerkmale und der Einsatz modischer Garderobe. Männliche und weibliche Jugendliche unterscheiden sich nur unwesentlich im Ausmaß der Körperkultivierung, heben aber bestimmte Attribute geschlechtsspezifisch hervor (Frauen: konturierte Brüste, „sexy“ Kleidung; Männer: muskulöse Oberarme, „elegante“ Kleidung). Die Neigung zur Inszenierung sexueller Attraktivität und statusorientierter Trendteilhabe variiert klassenspezifisch und verweist auf den Anregungsgehalt der Sozialisationsinstanzen Familie, Schule und Studium: Sie ist ausgeprägter unter Jugendlichen bildungsferner Herkunft und statusniedriger Bildungs- und Berufsgruppen. Hier wirken klassenkulturelle Traditionen fort (vgl. Otte 2007), denn der Körpereinsatz ähnelt den offensiven Praktiken körperlichen Stylings männlicher Rocker (Willis 1981) und weiblicher Auszubildender in der „Disco-Szene“ (Helfferich 1994, S. 124ff.). Jugendliche höherer Klassen – maßgeblich die, die zur Pflege ihres Musikkapitals „Subkulturclubs“ aufsuchen – tendieren zu einer inszenierten Nachlässigkeit, wie sie schon im Natürlichkeitskult der Hippies anzutreffen war.
Die symbolische Devianz der Indie-Szene, in der „inszenierten Natur“ der Haartracht (Burkart 2000, S. 70) ausgedrückt, in einer Linksorientierung verankert und von konsumskeptischer Individualisierungsrhetorik begleitet, entpuppt sich als Distinktionspraxis großteils bildungsprivilegierter Jugendlicher. Der von Bourdieu (1982) identifizierte, klassenspezifische Körper-Geist-Gegensatz zeichnet sich in der Stilisierung deutlich ab. Angehörige niedriger Klassen artikulieren in Tanzlokalitäten eine höhere Flirtbereitschaft und sind im Einklang mit Bozon/Héran (1989) offener dafür,
diesen Kontext zur Partnersuche zu nutzen, wenngleich die Klassenunterschiede nicht von ähnlich großem Ausmaß sind wie in ihrer Studie. Die Vermutung, dass Höhergebildete stärker zum Flirten neigen, wenn sie ein statusähnliches Publikum vorfinden, bestätigt sich nicht. Immerhin nähert sich unter diesen Bedingungen die Flirtneigung der beiden Gruppen an. In Verbindung mit der differenziellen, jedoch nur schwach klassenbasierten Kultivierung von Musikkapital tragen die Inszenierungspraktiken zu einer systematischen Marktsegmentierung bei, da sie die Grundlage für symbolische
Grenzziehungen der Clubgänger schaffen.
Die beschriebene Körperkultivierung der unteren Klassen findet man eher in Einrichtungen mit den modischen Genres House, Techno und Hip Hop. Dagegen werden Clubs mit gitarrenorientierter Musik, aber auch genreübergreifende, subkulturelle Nischenangebote eher von Angehörigen höherer Klassen besucht. Thornton (1996, S. 12) zufolge verschleiern die Distinktionspraxen Jugendlicher ihre Klassenlagen. Während die von ihr gewählte Methodik die Aufdeckung klassenspezifischer Strukturen der Clubszene nicht hinreichend ermöglicht, gilt genau dies für das hier verwendete Untersuchungsdesign. In Gruppendiskussionen ließ sich feststellen, dass die nach sozialstrukturellen und ästhetischen Kriterien subjektiv wahrgenommenen Publikumsstrukturen großteils mit den statistisch ermittelten, objektiven Publikumsprofilen übereinstimmen.
Die Jugend- und Körperkulturforschung sollte dies zum Anlass nehmen, qualitatives Material gründlicher auf sozialstrukturelle Dimensionen zu prüfen, verstärkt aber auch quantifizierende Methoden einzusetzen, um Zusammenhangsstärken von Variablen ermitteln zu können. Angesichts der schwierigen Messbarkeit ästhetischer Merkmale scheinen Mixed Methods-Designs der privilegierte Weg. Der von Bourdieu identifizierte, klassenspezifische Körper-Geist-Gegensatz zeichnet sich in der Stilisierung deutlich ab.
Zur Untersuchung der Bedeutung von Clubs und Diskotheken wie auch anderer Kontexte für die Partnerrekrutierung im Jugendalter kann die vorliegende Studie aber nicht mehr als ein erster Schritt sein.
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