Popmusik als Industrieprodukt (Peter Wicke, 1997) (Musikindustrie, Kulturindustrie, Musiksoziologie)
Oktober 1, 2010 | Gesammeltes Wissen über die Techno-Kultur Leave a CommentEinen überaus spannenden Artikel zu den Zusammenhängen musikindustriell produzierter Popmusik fand ich auf den den Internetseiten der Humboldt Universität Berlin, geschrieben von Peter Wicke im Jahr 1997. In seinem Text beschreibt er, was es bedeutet, wenn Musik auf eine industrielle Art durch große Medienkonzerne für große Massen produziert und vermarktet wird. Er räumt auf mit dem Mythen von monolithischem "Kommerz" und "Manipulation", gleichzeitig fehlt ihm jedoch das Gespür für die strukturellen Unterschiede zwischen der Produktion von Musik in kleinkommerziellen Szenenzusammenhängen und der oligopolistischen Musikindustrie mit ihren großen Medienkonzernen. Jedoch gibt er einen schönen Einblick in die Komplexität der Massenmusikindustrie (z.B. Marketing, Rundfunk, Promotion, diverse Interessen Beteiligter, etc.), die auch in eine geschichtliche Entwicklung eingebettet werden. Sehr spannend zu lesen und mit einer ganzen Reihe an Aha-Effekten gespickt. Kann man gut als Gegentext zum Rèsumè über Kulturindustrie von Adorno studieren. Folgend ein paar Zitate, die Lust aufs Lesen wecken sollen:
Die Musikindustrie bildet das Fundament, auf dem die Kategorie Popmusik als ein jeweils bestimmtes Ensemble von Spielweisen, Strukturformeln, Produktionstechnologien, Aufführungspraktiken, Umgangsweisen mit Musik, Images und Medienbilder konstruiert wird.
Daß die Industrie ihrer Kundschaft am Ende nur liefere, was diese mehrheitlich wollen — eines der Standardargumente der Industrie — stellt allerdings die Verhältnisse ebenso auf den Kopf wie die Gegenthese. Hinter den Hits und Stars der Popmusik stehen nicht imaginäre Mehrheitsentscheidungen. In den Gesamtrelationen betrachtet wird das kommerzielle Geschehen von Minderheiten bewegt. Bezieht man in die Betrachtung aller Medien ein, ergibt sich ein ganz anderes Bild als Hitlisten und Schallplattenverkauf suggerieren.
Die Grundstrukturen, in denen der beschriebene Prozeß verläuft, waren in den fünfziger Jahren bereits voll ausgebildet. Popmusik verkörperte schon damals einen kommerziellen und technologischen Prozeß, der auf der Basis des Trägermediums Schallplatte organisiert ist und in der Hauptsache von einigen wenigen marktbeherrschenden Großfirmen getragen wird, die von einer Vielzahl spezialisierter Kleinunternehmen umgeben sind. Die fünfziger Jahre markieren hier insofern eine Zäsur, als der kommerzielle Prozeß bis Ende der vierziger Jahre angebotsabhängig verlief; die Plattenfirmen verkauften, was sie produzieren konnten. Mit der Massenproduktion von Konsumgütern wurden aber auch im Tonträgerbereich schnell die Sättigungsgrenzen des Marktes erreicht; der Gesamtprozeß geriet in eine Nachfrageabhängigkeit. Seither regelt sich der kommerzielle Prozeß durch eine kalkulierte Überproduktion, das heißt, es wird insgesamt wesentlich mehr produziert als tatsächlich absetzbar, weil nur so ein hoher Marktanteil zu halten ist, der wiederum eine entscheidende Voraussetzung dafür darstellt, mit den Risiken dieses Marktes einigermaßen erfolgreich umzugehen.
Insgesamt läßt sich daran ablesen, daß Popmusik nicht nur ein musikalisches und kulturelles Medium Jugendlicher ist, sondern mitten im Schnittpunkt von ökonomischen, technologischen, administrativen, kulturellen, sozialen und ästhetischen Entscheidungen steht und nur so existent sein kann. Keiner dieser Faktoren, auch nicht der ökonomisch- kommerzielle, liegt außerhalb des Musikalischen, sondern sie alle konstituieren das Musikalische hier. Deshalb sind die simplizistischen Vorstellungen, nach denen das Verhältnis von Musikindustrie, Popmusik und jugendlichen Musikhörern häufig beschrieben wird, nicht nur realitätsfern, sondern jede darauf gegründete Kritik bleibt zwangsläufig auf eine groteske Weise folgenlos.
Den vollständigen Text gibt es << hier >> zum Lesen, viel Vergnügen!
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