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Tanzen mit Taktik

Eine Analyse ausgewählter Open Airs in der Berliner Technoszene

Von Marc Lange (marc.lange@hu-berlin.de)
Institut für Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität zu Berlin

In dieser Arbeit werden im Freien stattfindende (illegale) Tanzveranstaltungen in der Technoszene Berlins, sogenannte Open Airs, allgemein einleitend beschrieben, sowie die Frage behandelt, wie die sozialen Akteure dabei öffentlichen Raum (um)nutzen und sich aneignen. Zwei solcher Open Airs werden anhand von gemachter teilnehmender Beobachtung näher beschrieben. Auf dieser Grundlage wird mithilfe von Michel de Certeaus Konzept von Strategien und Taktiken anschließend eine Analyse durchgeführt.

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Einleitung

openairparty Text: Tanzen mit Taktik: Eine Analyse ausgewählter Open Airs in der Berliner Technoszene

Berlin gilt als die bedeutendste Stadt für Techno in Europa und wahrscheinlich der gesamten Welt. Vor allem die Zahl der Clubs und Unternehmen, sowie damit einhergehend die vielen Akteure1 der Szene, machen Berlin zu einer Art Hauptstadt des Techno. Doch es gibt auch außerhalb von Clubs Veranstaltungen, bei denen zu dieser Musik gefeiert wird.

In dieser Arbeit soll es um Tanzveranstaltungen in der Berliner Technoszene gehen, die meistens im Freien stattfinden und innerhalb der Szene als Open Airs2 bezeichnet werden. Teilweise werden solche Open Airs illegal und an nicht dafür vorgesehenen Orten durchgeführt. Eine daraus resultierende Fragestellung ist, wie die Akteure dabei öffentlichen Raum entgegen seiner eigentlichen Bestimmung nutzen und sich diesen damit aneignen. Der Fokus dieser Arbeit liegt darin, ebendiese Open Airs mithilfe von Michel de Certeaus Konzept von Strategien und Taktiken zu analysieren und zu beschreiben. Dazu werde ich zuerst kurz seine Theorie und den Aspekt der Strategien und Taktiken beschreiben. Darauf folgen Hintergründe und allgemeine Informationen zu Open Airs in der Berliner Technoszene und die Beschreibung zweier ausgewählter Open Airs anhand von gemachten teilnehmenden Beobachtungen. Ich erläutere zudem die gewählte Methode und Vorgehensweise. Anschließend analysiere und interpretiere ich das empirische Material mithilfe des genannten Konzepts von Michel de Certeau und stelle abschließend eine Zusammenfassung der wesentlichen Punkte an. 

Die Theorie

Michel de Certeau (1925–1986), ein französischer Historiker, Soziologe und Ethnologe, gibt in seinem einflussreichsten Werk Kunst des Handelns (de Certeau 1988), einen Einblick in sein Verständnis über den Alltag und das Verhalten von Verbrauchern. Er nimmt an, dass Verbraucher, also Konsumenten nicht eben nur passiv konsumieren und stille Abnehmer von Produkten sind, sondern selbst zu Produzenten werden, indem sie Produkte in einer bestimmten Art und Weise nutzen und damit ihren individuellen Alltag ausrichten und bestimmen. Das Vorhandensein von Regeln in einer Ordnung sage nichts darüber aus, wie diejenigen, die diese Regeln gebrauchen sollen, mit diesen umgehen und was sie von den Regeln denken. Konsumenten können deshalb über kreative Handlungsweisen verfügen, um eigene Interessen und Wünsche durchzusetzen und die herrschende Ordnung umzunutzen, ohne diese aber zu verlassen oder gänzlich zu verletzen. Er begreift diese Handlungsweisen als „[…] die abertausend Praktiken, mit deren Hilfe sich die Benutzer den Raum wiederaneignen, der durch die Techniken der soziokulturellen Produktion organisiert wird.“ (de Certeau 1988: 16)

Ein „mit Macht und Willenskraft ausgestattetes Subjekt (ein Eigentümer, ein Unternehmen, eine Stadt, eine wissenschaftliche Institution) […]“ (ebd.: 23) verfügt über eine Strategie, „[…] eine Berechnung von Kräfteverhältnissen.“ (ebd.: 23) Demgegenüber stellt de Certeau eben jene Handlungsweisen, die er Taktik nennt: „[…] ein Kalkül, das nicht mit etwas Eigenem rechnen kann und somit auch nicht mit einer Grenze, die das Andere als eine sichtbare Totalität abtrennt.“ (ebd.: 23) Eine Strategie wirkt also in einem bildlichen Machtgefälle von oben nach unten und wird den Konsumenten nie gerecht. Sie soll Raum und Zeit in gewisser Weise überwachen und kontrollieren und benötigt dabei natürlich immer einen Ort, um zu funktionieren. Eine Taktik hingegen funktioniert nur innerhalb der Grenzen der Strategie, welche sie sich quasi aneignet, unterwandert und dann kreativ umnutzt. Die Taktik ist dabei ortsunabhängig, aber zeitabhängig.

Die hier ausgewählten Abschnitte aus Michel de Certeaus Werk eignen sich dafür, vermeintlich einfach zu erklärende Verhaltensweisen und Praktiken von Menschen differenzierter darzustellen. Ideal anwendbar sind die gewählten Konzepte bei Praktiken im städtischen Raum (vgl. ebd.: 80, 85), besonders bei der Nutzung und Aneignung dessen. An einer Stelle fragt er: „Was machen […] Benutzer des städtischen Raumes […] mit dem, was sie ‚absorbieren‘, erhalten und bezahlen?“ (ebd.: 80) Dies zeigt beispielhaft, wie nah de Certeaus Überlegungen und theoretisches Konzept an der Fragestellung dieser Arbeit liegen.

Open Airs in der Berliner Technoszene: Hintergründe und Allgemeines

Die Berliner Technoszene blühte erstmalig am Ende des Jahres 1989 und zu Beginn der 1990er Jahre auf. Mit dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 bestand plötzlich eine Ausnahmesituation in der Stadt, was sich unter anderem in überforderten Behörden mit ungeklärten Zuständigkeiten, sowie ungeklärten Besitzansprüchen bei Grundstücken und Gebäuden, die zudem häufig leerstanden, zeigte. Es gab daher zeitweilig keine staatliche Kontrolle über solche Räume in der Stadt – ein Umstand, den sich Menschen aus bereits bestehenden Szenen zu Nutze machten, indem sie in leerstehenden Gebäuden, die sich vor allem im ehemaligen Ostteil Berlins befanden, illegale Tanzveranstaltungen mit hauptsächlich elektronischer Tanzmusik ausrichteten. (vgl. Vogt 2005: 181ff.; Schwanhäußer 2010: 19) Damals wurde eine solche Veranstaltung Rave genannt. Prinzipiell könnten die heutigen Open Airs genauso bezeichnet werden (vgl. Meyer 2000: 80; Klein 2001: 162), sie ist jedoch unüblich und findet eher bei Veranstaltungen in geschlossenen Räumen Verwendung.

Open Airs in der Berliner Technoszene3 sind Tanzveranstaltungen mit Technomusik4, die im urbanen Raum meistens im Freien stattfinden, z. B. in öffentlichen Parks. In Berlin kann von einer Saison für Open Airs gesprochen werden, die im April beginnt und bis Ende September andauert. Hauptkriterium ist das Wetter, auch während der Saison. Bei prognostiziertem Regen oder zu niedrigen Temperaturen finden in der Regel keine Open Airs statt, werden also abgesagt oder gar nicht erst geplant und angekündigt. Ausgerichtet werden Open Airs von Veranstalterkollektiven, in denen oft auch Akteure aus anderen Bereichen der Technoszene (DJs, Clubangestellte usw.) mitwirken. Die Veranstalter und viele Besucher können in der Berliner Technoszene verortet werden. Die meisten Open Airs beginnen mittags und gehen bis zum Einbruch der Dunkelheit oder, bei ausreichender Beleuchtung, bis weit in den nächsten Tag hinein. Es gibt legale und illegale Open Airs, wovon letztgenannte oft vor planmäßigen Ende von der Polizei oder dem Ordnungsamt aufgelöst werden.

Obligatorisch bei einem Open Air ist die Tanzfläche, vor der an einem Tisch ein DJ mithilfe von diversen Misch- und Abspielspielgeräten Musik auflegt, die über ein aufgestelltes Soundsystem ausgegeben wird. Teilweise werden Licht- und Dekorationselemente aufgebaut. Der notwendige elektrische Strom wird dabei von einem mitgebrachten Stromgenerator erzeugt. Abseits der Tanzfläche halten sich die Leute auf umliegenden Flächen auf. Mitunter werden auch Getränke verkauft.

Waren die Verbreitungskanäle in den 1990er Jahren noch hauptsächlich Mundpropaganda, Flyer, Bandansagen am Telefon und Radiosender (vgl. Vogt 2005: 182), so ist heutzutage das Internet das Informations- und Kommunikationsmedium. Nennenswert sind vor allem das Online-Magazin Resident Advisor5 und die sogenannte Restrealitaet6, ein halböffentliches Onlineforum. (vgl. Rapp 2009: 183ff.) Beide Portale listen anstehende Veranstaltungen in der Berliner Technoszene auf, darunter auch Open Airs. Das soziale Netzwerk Facebook wird ebenso verwendet, besonders für nicht öffentliche Einladungen und um die Veranstaltungsstatus fortlaufend zu aktualisieren. Weitere digitale Informationskanäle sind Newsletter, Mailinglisten und Blogs. Weiterhin werden Veranstaltungen auch persönlich per Mundpropaganda (einschließlich über digitale Medien) weitergegeben. Flyer hingegen sind eher bei großen Veranstaltungen üblich.

Vorgehensweise und Methode

Die allgemeinen Darstellungen im vorherigen Abschnitt basieren auf von mir in den letzten drei Jahren gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnissen, sind ferner also keineswegs objektiv und nicht repräsentativ für die gesamte Szene. Es führt zudem zu einer anderen Betrachtungsweise, als wenn die Szene erstmalig und unerfahren erforscht worden wäre.

Für die Untersuchung der Nutzung und Aneignung öffentlichen Raums bei Open Airs legte ich vor der Forschung Kriterien fest. Es sollte sich um Open Airs in der Berliner Technoszene handeln, bei denen öffentlicher Raum in der Stadt kurzzeitig umfunktioniert wird. Der Zugang musste kostenlos und ohne Einlasskontrollen geschehen, da es sich ansonsten nicht mehr um öffentlich und prinzipiell für jeden zugänglichen Raum handeln würde. Folglich fielen dauerhafte Veranstaltungsgelände (aktuell z. B. Lichtpark oder RUMMELSBURG) und Clubs heraus. Zudem wurden aufgrund der charakteristischen Besonderheiten Paraden, Demonstrationen und Straßenfeste nicht berücksichtigt. Die Illegalität von Open Airs ist kein Kriterium, aber unter die genannten Kriterien fallen fast ausnahmslos nur illegale Open Airs. Illegal bedeutet hier, dass entsprechende behördliche Genehmigungen fehlen und die Open Airs nicht bei der Polizei (und Verwertungsgesellschaften) angemeldet sind.

Für die zu analysierenden Aspekte in diesem Umfang halte ich die Methode der teilnehmenden Beobachtung für ausreichend. Es wurden im Sommer diesen Jahres in zwei Monaten bei zwei Open Airs teilnehmende Beobachtungen durchgeführt.

Beschreibung der ausgewählten Open Airs

Ein Open Air, veranstaltet von einem eher jungen Berliner Veranstalterkollektiv7, fand an einem warmen Sommertag von mittags bis zum späten Abend in einem stillgelegten Sommerbad im nördlichen Teil von Berlin statt. Es war nur über einen kleinen Weg neben dem offiziellen Eingang des Schwimmbads begehbar und von umliegenden Straßen und öffentlichen Wegen nicht einsehbar. Es mussten keine Hindernisse überwunden werden und es gab keinerlei Kontrollen, war also prinzipiell für alle Personen begehbar. Besonders war, dass die Bedürfnisse des Open Airs vollständig in die Architektur des Sommerbades integriert wurden. Das leere Schwimmbecken war über eine nachträglich gebaute Holztreppe begehbar und zur Tanzfläche umfunktioniert. Eine Tribüne mit teilweiser Überdachung neben dem Becken wurde zur Aufenthaltsfläche und zur Bar, ein ehemaliges Verkaufshäuschen ebenfalls dazu umfunktioniert. Der Sprungturm, sowie der Hochsitz wurden als Sitzflächen genutzt. Ein Sandkasten und die umliegenden Wiesen wurden für diverse Freizeit- und Sportaktivitäten genutzt.

Das andere Open-Air fand an einem Abend in einem Ein- und Ausgang bzw. Durchgang eines S-Bahnhofs in Berlin-Friedrichshain statt. Es handelt sich hierbei um andere Veranstalter, die bereits langjährig in der Berliner Technoszene aktiv sind. Eingeladen wurden die Gäste einen Tag vorher in einer nicht öffentlichen Facebook-Veranstaltung. Ich schildere nachfolgend kurz den Ablauf der Veranstaltung.

Die Aktion war für 22:00 angekündigt und zu dieser Zeit sammelten sich bereits eher jüngere Menschen auffällig verteilt um den Ausgang des S-Bahnhofs und schienen auf ein bestimmtes Ereignis zu warten. Zehn Minuten später erschienen die Veranstalter in einem PKW und bauten die mitgebrachte Ausrüstung (Stromgenerator, Soundsystem, Mixer, Plattenspieler) in einem im Durchgang des S-Bahnhofs stehenden, offenen Verkaufsstand für Erdbeeren auf. Die Zahl der Besucher stieg schnell an, da vermutlich auch interessierte Passanten teilnahmen. Um 23:30 erschienen Polizeibeamte, forderten die unverzügliche Beendigung der Veranstaltung und warteten, bis die Veranstalter ihre Ausrüstung im PKW verstaut und die Umgebung verlassen hatten. Weitere Maßnahmen ergriffen die Polizeibeamten nicht. Während der gesamten Dauer passierten Menschen wie üblich den Durchgang zum S-Bahnhof. Es kam dabei zu keiner für mich erkenntlichen Konfliktsituation.

Analyse und Interpretation

Beide Open Airs fanden an Orten bzw. durch Aktivitäten entstehenden Räumen im Stadtraum statt (vgl. dazu de Certeau: 217f.), die gewissen Regeln unterliegen, einer herrschenden Ordnung (vgl. ebd.: 12ff.). Diese wird im konkreten Fall durch Gesetze und Verordnungen postuliert, welche in der (Stadt-)Politik geschaffen werden. Hinzu kommt die Gestaltung des städtischen Raums nach festgelegten Kriterien und vor allem nach bestimmten Zwecken. Das Gelände des Sommerbads wurde für andere Zwecke erbaut und auch nach temporärer Stilllegung einer anderen Nutzung zugesprochen. Der Durchgang des S-Bahnhofs ist lediglich für die Führung von Menschen zu und von den Bahngleisen gedacht, was die spartanische Gestaltung und die helle Beleuchtung deutlich machen. Zur herrschenden Ordnung gehört ebenfalls die Kontrolle des Stadtraums durch Behörden und Polizei. Diese genannten Mittel stellen die Strategien dar. Sie wirken von oben nach unten, auf die in der Stadt lebenden Menschen. Diese Strategien erwecken den Eindruck, Menschen sollen nur dort Spaß haben und ihre Freizeit gestalten, wo die Strategien es vorsehen. Vertreter bzw. Ausführende dieser Strategien sind hauptsächlich Politiker und Stadtplaner, sowie bereits erwähnt, Behörden und die Polizei.

Die Akteure bei den Open Airs hingegen verfügen über Taktiken, die vielen „[…] Praktiken, mit deren Hilfe sich die Benutzer den Raum wiederaneignen, der durch die Techniken der soziokulturellen Produktion organisiert wird.“ (ebd.: 16) Zu den Akteuren zählen hier nicht nur die Veranstalter, sondern ebenso die Besucher der Open Airs. Die Veranstalter bezeichne ich als ideengebend, die Besucher als ideenunterstützend. Die grundlegende Taktik stellt das Finden von nutzbaren Nischen im urbanen Raum und die Veranstaltung das Open Airs dar. Dabei wird eigene Infrastruktur genutzt und Ausrüstung aufgebaut. Folglich findet eine Nutzung des städtischen Raums zu eigenen Zwecken und Interessen statt – das Herstellung eines sozialen Raumes zur Vergemeinschaftung und Freizeitgestaltung, wo vorher laut Strategien keiner sein sollte:

Sie metaphorisierten die herrschende Ordnung: sie ließen sie nach einem anderen Register funktionieren. Im Inneren des Systems, das sie assimilierten und von dem sie äußerlich assimiliert wurden, blieben sie andere. Sie entstellten diese Ordnung, ohne sie zu verlassen. Die Prozeduren des Konsums haben selbst in dem Raum ihre Andersheit bewahrt, der von dem Besatzer organisiert wurde. (de Certeau 1988: 81)

Innerhalb der Grenzen der Strategien entwickeln sich die Taktiken. Die Grenzen wurden bei den Open Airs aber nicht bewusst miteinbezogen. Das Fehlen von behördlichen Genehmigungen und Anmeldungen bei der Polizei stellen zwar Verstöße dar, die jedoch nicht von krimineller Energie zeugen und nicht drastisch geahndet (ebenfalls Teil der Strategie) werden können. Bei den Open Airs wurden andere Regeln (der Strategien), beispielsweise das Verlassen der Flächen in keinem schmutzigen, chaotischen Zustand oder die Rechte anderer Menschen eingehalten bzw. ausdrücklich beachtet. Es wurden lediglich eigentlich notwendige Vorgaben, die durch die Kontrolle des Stadtraums nicht erfüllt werden könne, ignoriert oder umgangen:

Auch wenn ihr Vokabular aus vorgegebenen Sprachen besteht (der Sprache […] der städtischen Organisationsformem) und auch wenn sie sich im Rahmen der vorgeschriebenen Syntaxen bewegen ([…] paradigmatischen Organisationen von Orten etc.), bleiben diese ‚Quergänge‘ heterogen gegenüber den Systemen, in die sie eindringen und in denen sie trickreich differente Interessen und Wünsche entwerfen. (ebd.: 85)

Das wichtige Interesse bzw. der wichtige Wunsch ist dabei, einen möglichst unkontrollierten Raum zum gemeinsamen Tanzen und Feiern zu haben. Dies stellt zugleich eine wichtige Forderung in einem Konflikt mit den genannten Vertreter und Ausführenden der Strategien. „Es handelt sich um Kämpfe oder Spiele zwischen dem Starken und dem Schwachen und um ‚Aktionen‘, die dem Schwachen noch möglich sind.“ (ebd.: 84)

An beiden Orten vorhandene Gegebenheiten wurden in das Konzept integriert. Die Strukturen des Sommerbads wurden für eine eindrucksvolle, ästhetische Gestaltung der Veranstaltung genutzt. Andererseits wurde der abends leere Verkaufsstand im S Bahnhof genutzt, um möglichst schnell ohne örtliche Vorbereitungen eine Veranstaltung in einem risikoreichen Raum zu beginnen. Die Umfunktionierung des Ortes für eine Tanzveranstaltung war an beiden Orten jedoch sicherlich nie vorgesehen.

Schluss

Bei den Open Airs erfolgte durch verschiedene Handlungsweisen eine Nutzung des urbanen Raums entgegen ungeschriebener Vorgaben (Strategien), folglich eine Umnutzung und eine Aneignung des Raums. Dies sind die Taktiken der Akteure, die innerhalb der Grenzen der Strategien wirken. Trivial, aber auf den Punkt gebracht, lässt sich sagen: Unabhängig von der Rolle als Veranstalter oder Besucher, suchen die Akteure bei Open Airs lediglich einen Ort, an dem sie innerhalb der Stadt gemeinsam im Freien tanzen und feiern können. Sie wenden trickreiche Taktiken an, um dieses Interesse zu verwirklichen und gegen Funktionsweisen der Strategien zu verteidigen.

Bei meiner Feldforschung wurden Einsichten in die Praktiken und Ansichten der Veranstalter und Besucher außen vor gelassen, woraus sich natürlich unweigerlich offene Fragen ergeben. Eine diesen Aspekt greifende Methode wären Interviews mit Akteuren aus Veranstalterkollektiven, Besuchern und ggf. auch unbeteiligten Passanten. Weiterführend könnte im Kreis der Veranstalter oder sogar bei dem gesamten Durchführungsprozess eines Open Airs teilnehmend beobachtet werden.

Die Erläuterungen zeigen deutliche Relevanz zu stadtpolitischen Auseinandersetzungen mit typischen Fragen wie Wem gehört die Stadt? Möglicherweise ist es politisch kurzsichtig, offiziell keine öffentlichen Räume für solche Veranstaltungen zu bieten, da die Szene damit zu einem für (bestimmte) Bewohner und Touristen attraktiven Stadtgeschehen beiträgt und im Bereich kultureller Angebote Alternativen, Kreativität und Innovation einbringt. Fraglich ist, ob ein Entgegenkommen der Stadtpolitik die Aktivitäten der Szene nicht aber möglicherweise zerstören könnte, wenn dadurch grundlegende Ideen und Grundsätze der Szene, wie Individualität, Selbstbestimmung und Bewegungsfreiheit, obsolet gemacht werden.

Abschließend ein kurzer Ausblick zum Forschungsthema: Für tiefergehende Forschung mit vielen teilnehmenden Beobachtungen müsste mindestens eine Open Air Saison lang intensiv und mit weiteren Methoden geforscht werden. Auch die Teilnahme an der gesamten Organisation und Durchführung eines (illegalen) Open Airs wäre durchaus sehr erkenntnisreich. Interessant wäre ebenfalls ein Einblick in die Ansichten, Erkenntnisse und Strategien der Berliner Polizei zu solchen Veranstaltungen. Die Berliner Polizei ist mit diesem Phänomen immerhin seit Jahren konfrontiert und hat vielleicht mittlerweile eine offizielle Strategie/Vorgehensweise bei solchen Veranstaltungen betreffenden Einsätzen erarbeitet.

Text: Marc Lange, gekürzte Version einer Hausarbeit im Bereich Europäischen Ethnologie an der Humboldt Universität Berlin, 2012. Marc Lange war einer der Studierenden vom Seminar "Soziologie der (Berliner) Techno-Szene" an der Technischen Unviersität Berlin.

Bildquelle: Click

Literatur

de Certeau, Michel (1988): Kunst des Handelns. Berlin.

Hitzler, Ronald; Niederbacher, Arne (2010): Leben in Szenen. Formen jugendlicher Vergemeinschaftung heute. Wiesbaden.

Klein, Gabriele (2001): Urban Story Telling: Tanz und Popkultur. In: Hitzler, Ronald (Hrsg.); Pfadenhauer, Michaela (Hrsg.): Techno-Soziologie. Erkundungen einer Jugendkultur. Opladen. S. 161–176.

Mathei, Dennis (2012): „Oh my god – it's techno music“. Definition und Abgenzung des Technostils unter Berücksichtigung historischer, stilistischer und soziologischer Aspekte. Osnabrück.

Meyer, Erik (2000): Die Techno-Szene. Ein jugendkulturelles Phänomen aus sozialwissenschaftlicher Perspektive. Opladen.

Rapp, Tobias (2009): Lost and Sound. Berlin, Techno und der Easyjetset. Frankfurt am Main.

Schwanhäußer, Anja (2010): Kosmonauten des Underground. Ethnografie einer Berliner Szene. Frankfurt am Main.

Vogt, Sabine (2005): Clubräume – Freiräume. Musikalische Lebensentwürfe in den Jugendkulturen Berlins. Kassel.

1 Es sind hier und nachfolgend grundsätzlich Menschen jeden Geschlechts gemeint, andernfalls wird darauf entsprechend hingewiesen.

2 Ich verwende nachfolgend diesen Begriff zwecks der Prägnanz und Verwendung über die Szene hinaus.

3 Die Technoszene und der Begriff Szene werden in dieser Arbeit nicht detailliert definiert. Es wird weitgehend mit der Szenedefinition nach Hitzler (2010) gearbeitet.

4 Es handelt sich fast ausnahmslos um die Stile Techno und House, sowie deren Substile. Techno wird häufig, auch in der Wissenschaft, als Bezeichnung für die Gesamtheit elektronischer Tanzmusik verwendet, was musikwissenschaftlich nicht korrekt ist (vgl. dazu Mathei: 153ff.).

5 http://www.residentadvisor.net

6 http://restrealitaet.de

7 Ich verzichte hier und nachfolgend auf die Nennung der Namen, zur Wahrung der Privatsphäre beteiligter Personen. Eine kurze Recherche würde Rückschlüsse auf einzelne Personen geben.



Comments

6 Responses to “Text: Tanzen mit Taktik: Eine Analyse ausgewählter Open Airs in der Berliner Technoszene”

  1. Budde on Oktober 16th, 2012 6:13 am

    “Teilnehmende Beobachtung” ist doch was PMF betrifft Zeug aus den 70ern, wundert mich, dass es das überhaupt noch gibt. Das sowas verstaubtes noch gelehrt wird, zeigt höchstenfalls die Einfallslosigkeit der Lehrenden (was für eine unschöne und kontraintuitive Begriffskonstruktion allein schon). Es ist auch streng genommen überhaupt nicht systemisch und systemisch sollte es als Mindestanspruch schon sein heutzutage. Die Wahrheit ist intuitiv jedem, der sich damit beschäftigt klar und oft genug, dass Leute, die damit ankommen, von vornherein oft eine apologetische Grundhaltung einnehmen und per “teilnehmende Beobachtung” krampfig und gekünstelt an was rangehen (Spaß im Club per Uni-Dekret plus doppeltem Erkenntnisprofit als Hintergrundversprechen plus Karriere zweigleisig offenhalten bzw. erledigen?), an dem sie in Wirklichkeit entweder teilnehmen oder es beobachten. Hinterher heißt es fälschlicherweise zugleich, was ich nicht glaube, dass das überhaupt geht (da switcht nämlich dauernd ein Relais zwischen dem einen und dem anderen Zustand hin und her). Wenn ich an etwas teilnehme, dann bin ich bestenfalls in eins mit der Sache, wenn ich mich dann davon entferne oder distanziere (switch! Übersicht schaffe …), dann findet so etwas wie distanzierte Beobachtung des Erlebten als eine Art Rekapitulation und Systematisierung statt. Und dann: Wie soll denn bitte eine Beobachtung nicht teilnehmend sein?

    vG Budde

  2. Fresh Meat on Oktober 16th, 2012 9:53 am

    Dirk, ich verstehe glaube ich weder deine Kritik noch deine Frage richtig? Teilnahme Beobachtung ist in verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen eine oft benutze qualitative Methode, siehe dazu die einschlägige Methodenliteratur samt methodologischer Reflexion. Die Pointe von teilnehmender Beobachtung ist außerdem gleichzeitig teilzunehmen und zu beobachten, und dann auf dieser Basis die Wissensstrukturen des Feldes zu rekonstruieren.

  3. Budde on Oktober 17th, 2012 7:47 am

    Danke für die Hintergrundinformationen (ich kenne mich ein wenig aus). Nur weil das so etabliert ist, muss es – für heutige Verhältnisse – noch nicht richtig sein. In den Sozwiss ist es ja noch älter. Die “Pointe” von der Du sprichst fällt m.E. flach. Mich erinnert das Vorgehen, wenn es ernsthaft betrieben wird, irgendwie an Lübke: “Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger.” Ich bin kein Verfechter quantitativer Methoden und natürlich wird die “Teilnehmende Beobachtung” auch heute noch entwickelt, aber sie ist schon vom Ansatz her verfehlt und generiert hauptsächlich künstliche Erfahrungen. Mal ganz außen vor der Geruch von Voyeurismus, den diese “Beobachtung” mit sich bringt.

  4. Fresh Meat on Oktober 17th, 2012 9:54 am

    Dirk, die teilnehmende Beobachtung schafft ein spezifisches Wissen, welches so durch eine andere Methode nicht erhebbar ist. Entsprechend hat sie auch heute noch ihre Berechtigung. Und “künstlich” ist ihr Wissen wie jedes Wissen von Wissenschaften, da es immer von Wissenschaftlern produziert wird. Spezifisch an der TB ist nun aber, dass eben nicht von Außen ans Feld herangegangen wird, sondern dass aus dem Feld heraus, die sogenannte “Binnenperspektive” reproduziert werden kann. Forscher werden teil des Gegenstandes und können somit Logiken freilegen, die durch andere Methoden niemals erhebbar wären. Und gerade heute wird dieser Methoden immer interessanter für viele Wissenschaftler, wenn es zum Beispiel um Forschung im Web 2.0. und seinen speziellen Interaktiven Voraussetungen geht. Sprich, die Methode gewinnt eher zusehens an Aktualität, als dass sie veraltet.

  5. Budde on Oktober 21st, 2012 3:21 am

    Es ist eben die Frage, inwieweit sie nicht den Gegenstand selbst auch gleich “schafft”. Und zur Methode: Selbstverständlichkeiten mittels systematisierter Konstrukte zu plausibilisieren, wo dann die Vorsichten einen großen Teil der Theorie selbst in Anspruch nehmen und einem die Grundlagen irgendwie immer bekannt vorkommen, wenn auch die Worte oft nicht, widerstrebt mir. Das Vorgehen entspringt im Grunde glaube ich einer großen Unsicherheit entweder dem oder aber irgendeinem Gegenstand gegenüber (also seiner eigenen Rolle in einem möglichen Konfrontationszusammenhang). Als wüsste man nicht, wie man sich einem Gegenstand gegenüber verhalten sollte, da ist ja Entfremdung implizit schon assimiliert und eingearbeitet, vorausgesetzt geradezu. Wenn ich Interesse an einer Sache habe, dann geh ich doch dahin und informier mich, wie das geschieht sei jedem selbst überlassen. Interessant ist ein Gegenstand aus natürlichem Interesse, das sollte wohl klar sein. Das Interesse muss nicht erklärt werden und auch eine Normierung durch Wissenschaftlichkeitsbeweis, also Methodennachweis und die theoretische (Über-)Fundierung der Teilnehmenden Beobachtung selbst ist kaum vonnöten.

    Zur Frage oben: Was soll nichtteilnehmende Beobachtung sein, ich hab mich nochmal informiert, das gibts wohl in der Tat (theoretisch), ich glaube aber nicht, dass man etwas beobachten und nicht dran teilnehmen kann und auch die Kriterien, die dafür aufgezählt werden, überzeugen mich nicht. Aber schon die Begriffsschöpfung “Teilnehmende Beobachtung” ist geradezu stupend, man wollte am liebsten gleich ausrufen: “Ja was denn sonst?”, das mag in den Anfangsjahren (sowieso) bis zu den späten 60ern oder Mittisebzigern noch verstanden worden sein, aber passt finde ich überhaupt nicht mehr in unsere Zeit. Was Du schreibst, dass sie zur Zeit eher wichtiger wird: Vielleicht liegts an der Ethnologie (wo die Theorie ja herkommt), und die sucht gegenwärtig neue Arbeitsfelder.

  6. Fresh Meat on Oktober 21st, 2012 9:46 am

    Dirk, es gehört zu den methodologischen Grundeinsichten von Sozialforschung, dass Wissenschaftler über ihre spezifische Perspektive und Interesse den Forschungsgegegnstand und damit auch immer die Ergebnisse mitkonstruieren. Entsprechend nimmt die Methodologie auch so einen großem Bereich in der Sozialforschung ein. Ziel ist aber kein Plausibilisieren, sondern im klassischen weberianischen Sinne ein “Verstehen” des Feldes – falls du es in diesem Sinne meintest?

    Und TB als Kategorie ist in dem Sinne sinnvoll, als darunter spezifische Praktiken und Vorannahmen bereits als wissenschaftliche Tradition subsumiert sind, die sich deutlich von anderen Formen des Beobachtens und Teilnehmens unterscheiden.

    Mein Tipp: wenn du so kritisch bist, dann hol dir ein Buch über Ethnografie, versuch deine Vorurteile erstmal zu ignorieren und lies es. Bin mir sicher, dass sich viele deiner Zweifel (oder gar “naiv-realistischen” Deutungen) ändern werden. Grüße :-) PS: Naiver Realismus ist btw keine Beleidung, sonder ein Fachterminus: http://www.gleichsatz.de/b-u-t/begin/wundt_naiv0.html

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