Im Netz fand ich eine interessante Dokumentation (RIP! – A Remix Manifesto) über die kulturelle Praxis des "Remixens". In ihr geht nicht direkt ums Remixen, also die ganzen Finessen, Howto's und verschiedene "Best Practises", eine Geschichtes oder Ähnlichem. Es geht darum einer Argumentation Öffentlichkeit zu verschaffen, die sich gegen ein Copyright aus Zeiten des Industriekapitalismus wendet. Dabei wird ein kurzer Streifzug durch die Geschichtes des Copyrights gemacht, modernekulturindustrielle Auswüchse aufgezeigt und die Frage aufgestellt, inwiefern in der heutigen Zeit mit ihren "Power to the people"-Technologien solch ein Copyright überhaupt noch sinnvoll sei. Das Video soll einer politischen Perspektive auf die Nutzung kultureller Orientierungen Öffentlichkeit verschaffen, ein Argument finde ich besonders interessant:

Der Hinweis darauf, dass die Grundlage jedes kreativen Produkts Orientierungen zugrunde liegen, welche der kreative Akteur sich woanders besorgt, z.b. bei Werken oder auch beiläufigen Handlungsergebnissen anderer. Die Doku zeigt, wie selbst Walt Disney sich aus dem kulturellen Fundus der öffentlichen Orientierungen bediente und fleißig in den Micky Maus Comics "remixte", ohne sich dabei Gedanken über "Copyrights" machen zu müssen, bzw. die "freischwebenden", öffentlich zugreifbaren Orientierungen selbst als Material anzusehen, dass irgendwie geschützt sein sollte. Im Gegensatz dann zu den Produkten der eigenen Remixe, wie Micky Maus, wo sie streng verfolgen und sanktionieren, wie Orientierungen an der "Micky Maus" in den öffentlichen Spähren der Gesellschaft benutzt und verwertet werden.

Auch die musikalische Praxis Techno baut auf immer wiederkehrenden Mustern (kreativen Erzeugnissen) der Vergangenheit auf, die Produzenten neu variieren und zusammenbauen, an denen sie sich  orientieren: Der Loop, die Geschwindigkeit, das Grundgerüst, die Elemente des Tracks (Kickdrum, Bassläufe, Hihats, Percussion, Melodien, etc.), ihre Anordnung zueinander (typische Grooves), die Form des Tracks, die Rezeption im Club, usw, usf. Jeder Track ist also eigentlich ein Remix der Techno-Kultur. Würde jetzt jemand das Copyright an allgemeinen Mustern des Techno besitzen, wäre diese 'public domain', wie sie im Video genannt wird, nicht existent, und die Techno-Kultur in ihrer modernen Vielfalt und dynamischen Entwicklung vielleicht auch nicht. Somit zeigt das Video ganz wunderbar eine fundamentale Paradoxie des Copyright: Das einzelne Orientierungen der Kultur gegenüber anderen exklusiviert werden, um diese z.b. zu verwerten, zu schützen, klassische Erwerbsarbeit zu ermöglichen, etc.

Und das ist dann auch leider eine zentrale Frage, die uns die Doku nicht beantworten kann: Wie und weshalb werden diese Grenzen (Copyrighted; Ja/Nein) zwischen den Orientierungen gezogen? Welche dürfen copyrighted werden, welche nicht? Wie sind diese Grenzen zustande gekommen, welche Akteure waren wie, in welchem Maße und wie machtvoll daran beteiligt? Wieso darf jeder House produzieren, ohne verklagt zu werden? Aber der fertige House-Track soll dann ein geistiges Eigentum sein? Wieso besitzt niemand das Copyright an House? Wenn man das Urheberrecht an einem ganzen Track besitzen kann, wieso dann nicht auch von einem Musikstil? (Nicht, dass ich das befürworten würde, geht hier um analytische Dimensionen .. icon smile Techno: Eine Remix Kultur (Doku über Remix und Copyright, RIP! A remix manifesto) Wieso passierten diese Grenzziehungen so in der Vergangenheit und nicht anders?

In RiP: A remix manifesto, Web activist and filmmaker Brett Gaylor explores issues of copyright in the information age, mashing up the media landscape of the 20th century and shattering the wall between users and producers.The film’s central protagonist is Girl Talk, a mash-up musician topping the charts with his sample-based songs. But is Girl Talk a paragon of people power or the Pied Piper of piracy? Creative Commons founder, Lawrence Lessig, Brazil’s Minister of Culture Gilberto Gil and pop culture critic Cory Doctorow are also along for the ride.

An dieser Stelle auch noch ein Hinweis über die juristische Promotion von Till Kreuzer. Er beschäftigte sich mit dem modernen Copyright in seiner Doktorarbeit und fand Spannendes heraus. Das Lesen diesen Links lohnt sich, da euch dort folgendes erwartet:

In den nachfolgenden Überlegungen wird der Frage nachgegangen, welche Maßnahmen notwendig sind, um das Urheberrecht zu einem zentralen Regelungsprinzip für eine globale Informationsordnung weiterzuentwickeln. Ein Urheberrecht, das seinem Anspruch als „Magna Charta der Informationsgesellschaft“ gerecht wird. Es wird in dieser zukunftsgerichteten Betrachtung nicht um „Körbe“ oder die Auslegung von EU-Richtlinien oder völkerrechtlichen Verträgen gehen. Vielmehr sollen einerseits die wesentlichen Defizite des geltenden Urheberrechts und deren Folgen dargestellt und andererseits meine Vision für einen neuen konzeptionellen Ansatz des Urheberrechts skizziert werden. (Quelle)

Related articles:

  1. Berlin at Night 2010 – Doku über Wandel in der Berliner Club-Szene

  2. Doku: Musik zwischen Natur und Kultur – auf der Suche nach Universalien (Notes & Neurons)

  3. Die Szenewirtschaft der Techno-Szene: Eine eigene Welt zwischen Underground und Musikindustrie (Vortrag @ a2n-camp / Kater Holzig, 04.11.2010, 15 Uhr)



Party, Live WebTV, Radio, Shows, Blog, Techno, Electronic Dance Music

Techno Szene, Berlin Mitte Institut für Bessere Elektronische Musik, Underground

Techno Szene, Berlin Mitte Institut für Bessere Elektronische Musik, Underground

Techno Szene, Berlin Mitte Institut für Bessere Elektronische Musik, Underground

blogoscoop