Über Musikgeschmack lässt sich nicht streiten?! (Musikwissenschaft, Musiksoziologie)
July 6, 2010 | Gesammeltes Wissen über die Techno-Kultur 6 CommentsJa, das hört man nun wahrlich öfters. Da ist ein Track noch so hart, noch so furchtbar, zu cheesy, zu langweilig, offensichtlich unkreativ oder schlecht produziert – und womöglich ist dieser dann auch noch in den Top 10 irgendwelcher Charts, die besten Freunde fahren tierisch drauf ab - und man selbst versteht die Welt nicht mehr.
Zeit sich zu fragen: Was ist eigentlich Musikgeschmack, wenn man sich über den der anderen echauffiert?

Zu diesem Thema gibt es bereits zahlreiche Veröffentlichungen. Bei meiner Recherche im Netz fand ich eine kostenlos zugängliche musikwissenschaftliche Diplomarbeit von Evelyn Hemmer, die sich der Aufarbeitung des Thema “Musikgeschmack” ein ganzes Kapitel widmet. Eigentlich dreht sich die Arbeit um “Die Veränderungen der Musikrezeption durch das Web 2.0 und deren Auswirkung auf die Musikpromotion”, aber besonders spannend im Zusammenhang zu diesem Posting finde ich das Kapitel I “Musikrezeption und Musikgeschmack”, Seite 6-25. Spätestens wenn ihr das gelesen habt, werden ihr auch andere Kapitel aus der Diplomarbeit lesen wollen. Nur zu, es lohnt!
Außerdem seid ihr dann bei der nächsten Diskussion über Musikgeschmack informiert. Wenn euch dann jemand vorwirft, “Du hast ja echt mal überhaupt keine Ahnung und einen richtig miesen Musikgeschmack”, dann sagt ihr: “Moment mal, es gibt da eine Diplomarbeit von Eveyln Hammer im Netz und die sieht das folgendermaßen ..” ![]()
Die komplette Diplomarbeit hier als PDF runterladen: CLICK
Evelyns Schlussfolgerungen lauten wie folgt:
“Zusammenfassend kann man sagen, dass Musikrezeption eine aktive Tätigkeit ist und zur Ausbildung des Musikgeschmacks führt. Der Musikgeschmack ist nicht willkürlich, sondern von verschiedenen Faktoren der Sozialisation abhängig. Darunter fällt auch die Prägung durch die Medien. Durch eine aktive Auseinandersetzung mit Musikmedien nehmen wir neue Musik passend zur Identität auf. ”
„Medien verändern oder erweitern den Musikgeschmack insofern, als die Erweiterung der medialen Erfahrungsmöglichkeiten mit der Ausdehnung der sozialen Kreise korrespondiert. Neue Hörerlebnisse werden erst dann in die eigene kulturelle Praxis integriert, wenn sie in den relevanten sozialen Kontext akzeptiert und identitätsstiftend sind, also zu einer Ressource in sozialen Strategien wurden.“ (Gebesmair 2001, S. 229)
“Durch die Erweiterung des WWW zum Web 2.0 werden die Aktivitätsmöglichkeiten der Rezipienten, oder nunmehr User, stark erweitert. Mittels verschiedener Programme können User zusammenarbeiten und ihre kollektiven (Musik-) Interessen einbeziehen. Es wird nicht nur kommuniziert sondern auch Inhalte stehen im Mittelpunkt (vgl. Alby 2007, S. 90). Durch diese Programme entstehen erhebliche Erleichterungen der Publikation eigener Inhalte und ihre globale Zugänglichkeit. Verlage und Sender verlieren somit ihr Privileg, darüber zu entscheiden, welche Inhalte wann veröffentlicht werden (vgl. Niedermaier 2008, S. 59). Dem Musikrezipienten stehen nun um ein vielfaches mehr Möglichkeiten zur Verfügung sich mit Musik auseinanderzusetzen. Die verstärkten Aktivitätsmöglichkeiten zeigen sich im nächsten Kapitel als entscheidende Veränderung in der Musikrezeption durch das Web 2.0.” (PDF-Quelle)
Bildquelle: CLICK
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