Verwertungsgesellschaften aus Sicht des Medienökonomen Michael Hutter #GEMA
September 11, 2012 | Gesammeltes Wissen über die Techno-Kultur 2 CommentsGerade lese ich das Buch "Neue Medienökonomik" von Michael Hutter und stieß eher zufällig auf ein kurzes Kapital zu Verwertungsgesellschaften (VGs). Seine Beurteilungen und Erklärungen scheinen mir für die derzeitige Debatte um die GEMA und die kommende Tarifreform hilfreich. Wer wissen möchte, warum die "oberen 3400 Mitglieder" der GEMA, also gerade mal 5% aller GEMA-Mitgliedern, die Strukturen für 95% (über 60000) dominieren, bekommt von Michael Hutter eine ökonomische Erklärung. Ich zitiere einfach mal:
"Heute operieren allein in Deutschland ein Dutzend Verwertungsgesellschaften. Den größten Umsatz erzielt die … Gema. … Verwertungsgesellschaften haben eine immanente Tendenz, sich zu verselbstständigen und eigene Interessen gegenüber ihren Mitgliedern zu entwickeln. Das liegt an der Monopolsituation, in der sich die VGs befinden … Zu ihren Mitgliedern zählen einzelne Urheber und aufführende Künstler, aber auch Medienunternehmen, die diese Rechte mit dem Erwerb der Werke von den Urhebern und Produzenten übernommen haben. Dabei ist es nicht unüblich, dass auch Vertretern der Medienunternehmen in der Führung einer VG aktiv sind (Kretschmer 2002). Weil die Monopolsituation einer VG kaum bestreitbar ist, sinkt die Kosteneffizienz. Die 'Verwaltungskosten' der eigenen Operation werden einbehalten, bevor Nettoerträge ausgeschüttet werden. Zu den Verwaltungskosten zählen auch die Kosten der Teilnahme am Gesetzgebungs- und Rechtsprechungsprozess, denn in diesen Arenen werden die Rahmenbedigungen festgelegt, die den Aktionsradius und die Durchgriffsmöglichkeiten der VGs in der Zukunft bestimmen."
Kostenineffizienz: "… dass etwa bei der GEMA der Kostensatz zwischen 1969 und 2004 von 11,8 auf 14.4% gestiegen ist, während gleichzeitig die Erträge von 85 auf 806 Mio Euro anstiegen, obwohl bei einem derartigen Wachstum Größenvorteile der Adminsitration hätten realisierbar sein müssen."
"Die Situation, in der sich die VGs und ihre Mitgliedern befinden, lässt sich theoretisch als Principal-agent-Konstellation erklären. Der 'Prinzipal', der den Auftrag erteilt, kann die AUsführung des Aufrags durch den 'Agenten' kaum kontrollieren. Der Agent, also das Leitungsgremium der Gesellschaft, wird sich deshalb die in diesem Fall deutliche asymmetrische Informationsverteilung zu Nutze machen und seine eigenen Interessen favorisieren. Diese Situation lässt sich auch über die Einrichtung von Kontrollgremien nicht wirkungsvoll entschärfen. Dazu kommt der Effekt der asymmetrischen Marktmacht der großen Medienunternehmen: für sie lohnt sich der Aufwand, der nötig ist, um die Selbstverwaltungsgremien zu dominieren. So können dann die Modalitäten der Gebührenerhebung und der Ausschüttung in einer Weise festgelegt werden, die den Interessen der Gesellschaft selbst und denen ihrer größten Mitglieder entsprechen." (S. 88-91)
Michael Hutter, Neue Medienökonomik, 2006
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Comments
2 Responses to “Verwertungsgesellschaften aus Sicht des Medienökonomen Michael Hutter #GEMA”

















Jein. Da eine kleine Gruppe von der GEMA hervorragend informiert und vertreten wird, gibt es auch schlauere Beispiele für eine Principal-Agent-Konstellation (z. B. Staat/Verfassungsschutz).
slacker, was meinste genau? verstehe dein kommentar nicht ganz