Techno in Corona-Zeiten: Lohnt es sich, die Szene zu retten?


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Die Corona-Krise hat den Berliner Techno-Betrieb schwer getroffen: Clubs sind geschlossen, Kulturschaffenden sind Gigs und Aufträge weggebrochen.

Einer Szene, die im Kern vom ultimativen Freiheitsversprechen lebt wurde vor Augen gehalten, wie abhängig sie eigentlich ist: Von sich selbst, von Profit, von Arbeit.

Nun, bei Stillstand, ein guter Zeitpunkt mal darüber zu reflektieren, was die letzten 10 bis 12 Jahre in Berlin passiert ist.

Ist Techno noch ein Rückzugsort für andersartige, freiheitsliebende Hedonistinnen und Hedonisten? Oder ist Techno heutzutage vor allem eine von größeren Unternehmen dominierte "Branche" und damit ein Abziehbild der allgmeinen gesellschaftlichen Beschleunigungs- und Steigerungslogik, wie sie im Zentrum der spätkapitalistischen Moderne steht? Wurde die Institutionalisierung von Spaß als zentralem Szene- und Lebensprinzip durchpolitisiert und stadtpolitisch durchinstrumentalisiert? Steht Techno heutzutage noch für eine Utopie und Alternative zum Bestehenden, ein Rückzugsort der Unangepassten?

Momentan ist der Techno-Betrieb noch damit beschäftigt den Status Quo zu retten: Clubs betteln um die Wette auf Crowdfunding-Plattformen ums Geld jener, die ihr "Liquidität" in diesen Zeiten auch lieber zusammenhalten möchten. Von innerer Gewissensunruhe angetrieben, wie sie das politisierte postmoderne Stadtleben erwartet und verordnet, muss jetzt dennoch gerettet und solidarisiert werden - denn Kultur sei eben wichtig. Punkt.

Man darf auch nicht vergessen: Viele Kulturschaffenden leben heutzutage schlicht von der Annahme, dass Kultur "eben wichtig sei" - und leiten daraus ihre Forderungen und Erwartungen ab. Oftmals mindestens widersprüchlich, denn eigentlich geht es um sie selbst: Ihre Zukunft, ihre prekären Einnahmen und Arbeitsplätze. Ihre eigene Abhängigkeit, summa summarum.

Kultur als Ausdruck menschlicher Seele und Freiheit heißt heutzutage: 20 Euro Abendkasse, 70 Euro Saufen, 40 Euro Keta, 20000 Sales, 50000 Klicks, 3000 Likes. Der DJ bedankt sich dafür mit zwei Stunden gelangweiltem Auflegen für 1000 Euro Gage. Danach gehts gleich weiter nach Milano.

Wir retten und solidarisieren in der Annahme, dass Vergemeinschaftung zu Musik anders gar nicht mehr möglich sei als zum Status Quo. Dieser Teil der Gewissensunruhe wird gespeist durch eine Angst des Verlustes; tut so, als wäre alles rettenswert. Panik geht um. Aber keine Panik um den Wert von Kultur ist hier am Werk, sondern ökonomische Panik: Die Angst, dass die Klopapierrolle der eigenen Karriere ausgeht - oder von vierlagig auf zweilagig degradiert.

Die politischen Maßnahmen rund um sogenannte "Systemrelevanz" zeigen außerdem: Kommt es hart auf hart, gibt es Netflix-Knast statt Applaus. Der neueste Corona-Techno-Witz geht so:

Kultur.

Was ist Kultur, wenn sie vor allem ein Preisschild hat?

Richtig, nicht systemrelevant.

Der englische DJ Shawn Reynaldo, den ich bis dato gar nicht kannte,  stößt die Debatte an: "Is The Scene Worth Saving"? (Danke dasfilter für den Link)

There’s a logic to that approach, but I’d argue that the coronavirus pandemic has laid bare just how fragile the electronic music industry had already become. In most places, clubs have been closed for only a couple of weeks, and yet many of us are concerned that whole industry might collapse. Even before the pandemic hit, it was clear that we were in trouble; producers’ revenue streams were drying up, venues were closing, labels were struggling to sell records, festivals were crowding out local clubs and smaller promoters, music media layoffs were rampant, DJ fees were spiraling to unreasonable levels… the list goes on and on. Bit by bit, the electronic music ecosystem was rotting; we all saw it, and nobody was happy about it, but we kept on grinding anyways, because what other option was there? Thinking big wasn’t an option most people even had time for. Hier weiterlesen


Mein Appell und Denkanstoß: Nutzt die Krise, um grundsätzlich zu reflektieren: Was lohnt sich zu retten, und wo sollte besser was Neues entstehen? Was kann man aus den vergangenen 30+ Jahren Techno Berlin lernen? In der Krise besteht die Chance auf einen "Hard Reset", und da lässt sich viel gestalten. Bleibt offen, lasst euch nicht von euren Sorgen ums Bestehende anleiten, sondern von euren Utopien und Visionen.

Die Corona-Krise kann auch ein neuer Mauerfall werden.

Disclamer: Ihr könnt beim Reflektieren gerne differenzierter vorgehen, als ich es in diesem Pamphlet tat.



Dr. Jan-Michael Kühn

Freiberuflicher DJ Coach, Marktforscher, Dozent, Soziologe für Szenewirtschaft und Musikszenen, Linux & Selfhosting Geek


Foto Jan-Michel Kühn