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Chancen aus der Corona-Krise: Der kulturelle Reboot aka die zweite Wende


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Chancen aus der Corona-Krise:
Der kulturelle Reboot aka die zweite Wende



Corona hat die Clubkultur lahmgelegt, zigtausende wirtschaftliche Existenzen hängen an seidenen Fäden, die Empörung ist groß, da die regierenden Parteien nach verordneten Berufsverbot es versäumen die Akteure und Akteurinnen aufzufangen und zu kompensieren. Eine Tragödie und Skandal.

Clubkultur wird jedoch durch regierende Politik und Intermediäre seit 20 Jahren in ihrer angeblichen Wertschätzung lediglich systematisch instrumentalisiert: Anfangs waren sie nur nervige Raumbesetzer, später wichtiger Wirtschafts- und Standortfaktor, jetzt doch nicht systemrelevant. Leider keine Überraschung.

Techno ist eben doch nur eine musikalische Subkultur, mehr ist sie auch nie gewesen. Wer dieses Spielchen so lange bereits mit sich spielen lässt, der muss sich über das Fallenlassen nicht wundern. Gesundheit und was zu Essen auf dem Tisch sind relevanter als rummsende Kicks, scheppernde Hihats und klatschende Snares.

Für die Kulturschaffenden gilt es auch weitere unbequeme Realitäten zu akzeptieren: Feiern und Pandemie sind strukturell inkompatibel, daran ändern auch Maske und Abstand nichts. Mit AHA-Regeln legalisiert man quasi die uninteressanten Bestandteile des Feierns, aber das was Feiern im Kern ausmacht lässt sich damit nicht auffangen: Nähe, Emotion, Berauschung, Außeralltäglichkeit, Offenheit, neue Menschen kennenlernen, Extase. Feiern, das ist die Pandemie an sich; das ist der exponentielle, multi-modale Austausch von Existenzen.

Ebenso gibt es für selbstständige Kulturschaffende kein Recht auf Business bis in die Ewigkeit. Mit der kulturell orientierten Selbstständigkeit, und als Kulturschaffende damit immer auch selbst gewählter Prekarität, ist stets auch das höhere Risiko verbunden, und eine Pandemie gehört leider ebenso dazu, wie normale sinkende Nachfrage. Manche Kulturschaffende neigen jedoch dazu ihre eigene Tätigkeit philosophisch dermaßen zu überhöhen, dass man geneigt ist zu hinterfragen, ob Gesellschaft vor Techno überhaupt existiert hat.


Von der Angst um die eigene Existenz,
hin zur neuen Utopie

Soweit, so der Stand. Traurig, ungerecht, verachtenswert. Für die Betroffenen jeweils eine individuelle Tragödie, die Scherben der eigenen Existenz.

Doch jetzt lasst uns drüber sprechen, was das ganze, jenseits der wirtschaftlichen Dimension, eigentlich für das Kulturelle bedeutet. Denn für das Kulturelle, so die These dieses Textes, tun sich große Chancen auf am Horizont: Neue Jugend- und Subkulturen werden entstehen, bestehende gesättigte und gealterte Kulturkonzepte aus dem Markt gespült, etablierte Institutionen des Nachtlebens machen Platz für Neues. Eine zweite Wende.

Unfreiwillig wird Clubkultur jetzt für einige Monate aus den Fängen von politischer Instrumentalisierung, fortschreitender Kommerzialisierung, kultureller Standardisierung und galoppierender Politisierung befreit - und kann seine gesellschaftlich-revolutionären Wurzeln revitalisieren: Der Befreiung des Einzelnen aus den Zwängen der Gesellschaft, der Flucht aus der Wirklichkeit in die Selbstwirklichung durch Ästhetik und Hedonismus, der Innovation des Sozialen hin in neue kulturellen verführerischen Strukturen, die Zelebrierung des Individualismus, die interessenbasierte Vergemeinschaftung.

Denn die wirklich relevante Frage ist: Was kommt danach? Was sticht ins Vakuum, implodiert und liefert neue Antworten auf die existentiellen Fragen der Gegenwart, die nur neue Jugendsubkulturen beantworten und begleiten werden können? Wie werden diese aussehen, was wird kommen, was wir uns jetzt noch nicht vorstellen können?

Die Jugend von heute und morgen wird nicht mehr in Techno hinein sozialisiert werden, muss sich nicht mehr dazu verhalten, muss sich nicht entscheiden: Bin ich mehr House, oder bin ich mehr Techno? Es gibt keine elektroinstitutionellen Strukturen mehr, zu der sich die neue Jugend verhalten muss; die es ihr einfach macht sich in ihr zurechtzufinden, die ihr anbietet was sinnvoll wäre ästhetisch umzusetzen. Es gibt das neue weiße Blatt, dass die nächste Jugend bemalen wird, mit neuen kulturellen Formen, die sich bereits an den gesellschaftlichen Franzen ausbilden, aber die wir jetzt noch kaum ernst nehmen können, da sie anders sein werden, als die alten.

Lasst uns über die verloren Arbeitsplätze trauern, über das erwartbare Versagen der regierenden Parteien ärgern - aber gleichzeitig auf die neue kulturelle Zukunft freuen.



Dr. Jan-Michael Kühn

Freiberuflicher DJ Coach, Marktforscher, Dozent, Soziologe für Szenewirtschaft und Musikszenen, Linux & Selfhosting Geek


Foto Jan-Michel Kühn